Kunst mit Reispapier: Warum ich damit arbeite und was es mit einem Bild macht

Frederic Paul mit einem Pinsel in der Hand an einem Gemälde mit Reispapier und rosa-rotem Farbton

Wer zum ersten Mal vor einer meiner Arbeiten steht, fragt mich häufig, was das eigentlich für ein Material ist. Viele Kunstinteressierte haben schon einmal von Reispapier in der Malerei gehört, können sich aber wenig darunter vorstellen. Einmal wurde ich sogar gefragt, ob meine Bilder anfangen könnten zu schimmeln. Gemeint war das Reispapier, das man in asiatischen Restaurants verwendet.

Mit diesem essbaren Reispapier hat mein Material nichts zu tun. Ich arbeite mit traditionell hergestelltem Reispapier, wie es vor allem in China für Tusche und Kalligrafie verwendet wird. Ich forme es, färbe es ein und verbinde es in meiner Mischtechnik mit Acryl- und Ölfarbe. Deshalb sage ich auch lieber, dass ich mit Reispapier arbeite, und nicht, dass ich damit male.

In diesem Blog-Artikel erkläre ich, wie ich zu diesem Material gekommen bin, wie aus einer Papierrolle die einzelnen Formen in meinen Bildern entstehen und warum sich beim Einfärben nicht alles planen lässt. Außerdem geht es darum, was das Papier mit der Oberfläche eines Bildes macht und warum ein Original anders wirkt als ein Foto.

Was bewirkt Reispapier in einem Gemälde?

Reispapier gibt meinen Bildern eine räumliche Tiefe, die ich in meiner Bildsprache mit Farbe allein nicht erreiche. Einzelne Papierformen stehen von der Leinwand ab und werfen Schatten, die Oberfläche wird dadurch stellenweise fast dreidimensional. Je nachdem, wie nah man vor einer Arbeit steht und wie das Licht darauf fällt, zeigt sich das Bild anders. In meiner Mixed Media Malerei übernimmt das Papier also eine andere Rolle als die Farbe. Meine Bilder entstehen aus Reispapier, Acryl- und Ölfarbe auf Leinwand. Die Farbe trägt die Komposition, das Papier bringt eine körperliche Struktur hinein. Es liegt nicht als Hintergrund unter der Farbe, sondern bleibt im fertigen Gemälde deutlich sichtbar.

Wie ich zum Reispapier gekommen bin

Ich habe schon vorher mit Papier gearbeitet. Unterschiedliche Sorten haben mich interessiert, weil sie sich anders anfühlen und ihre eigene Struktur mitbringen. Auf das Reispapier bin ich beim Ausprobieren gestoßen, in einer Papierabteilung mit sehr vielen verschiedenen Materialien. Als ich die Struktur des Papiers zum ersten Mal mit meinen Händen fühlte, habe ich sofort gespürt, dass hieraus Großes entstehen kann.   

Und ich habe Recht behalten: Das chinesische Reispapier passte am Ende am besten zu meiner Technik. Ich konnte es so einsetzen, wie ich es für meine Bilder brauchte, und aus diesen Versuchen ist die Verbindung von Papier und Ölfarbe entstanden, mit der ich heute arbeite. Welches Papier für mich funktioniert, wusste ich vorher nicht. Das hat sich erst beim Verarbeiten gezeigt.

Wie entstehen die Formen aus Reispapier?

Das Papier liegt zunächst auf Rollen. Daraus forme ich die einzelnen Elemente für meine Bilder: Ich arbeite mit der Schere, schneide das Papier und reiße es. Jede Form entsteht aus diesem Bearbeiten des Materials. Mich interessieren dabei organische Formen. Sie können an etwas aus der Natur erinnern, an Blätter oder Blüten, manchmal auch an Steine. Eine feste Zuordnung gibt es nicht. Die Verbindung zur Natur liegt für mich in der Form selbst und nicht in einem bestimmten Motiv. So entsteht aus der Papierrolle nach und nach das Material, mit dem ich auf der Leinwand weiterarbeite.

Warum sich beim Einfärben nicht alles planen lässt

Manchmal färbe ich das Papier vor dem Formen ein, manchmal danach. In beiden Fällen kann ich nicht vollständig bestimmen, wie die Farbe am Ende auf dem Papier aussieht. Das Material nimmt sie nicht überall gleich auf. Solange es nass ist, sieht es außerdem anders aus als nach dem Trocknen. Ich muss also abwarten, bevor ich entscheiden kann, ob das Ergebnis für mich stimmt. Ich kann den Vorgang ein Stück weit lenken, noch einmal darüber gehen oder das Papier erneut einfärben. Ganz kontrollieren lässt er sich trotzdem nicht, und gerade das interessiert mich daran. Denn beim Einfärben muss ich auch loslassen können. Ich habe eine Vorstellung, aber das Material hält sich nicht einfach daran. Aus dem, was entsteht, ergibt sich der nächste Schritt.

Das heißt nicht, dass jedes Ergebnis bleibt. Wenn etwas nicht passt oder sich nicht richtig anfühlt, fange ich neu an und arbeite weiter, bis es mir gefällt. Werde ich nach den Schwierigkeiten mit dem Reispapier gefragt, fällt es mir deshalb schwer, sie vom übrigen Arbeiten zu trennen. Ein Material muss für mich nicht in jedem Moment ein vorhersehbares Ergebnis liefern. Was als perfekt gilt, ist ohnehin eine Frage der Sichtweise.

Wie Licht und Abstand die Wahrnehmung verändern

Weil das Papier von der Bildfläche absteht, wirft es Schatten, und diese Schatten fallen je nach Lichteinfall unterschiedlich aus. Auch die Tageszeit kann beeinflussen, wie die Oberfläche erscheint. Das Bild selbst verändert sich dabei nicht. Aber eine Stelle, die bei einem bestimmten Licht deutlich hervortritt, kann bei anderem Licht zurückhaltender wirken.

Ähnlich ist es mit dem Abstand. Aus einiger Entfernung sieht man die Arbeit als Ganzes. Näher am Bild werden die einzelnen Papierformen und ihre Beschaffenheit deutlicher. Was aus der Distanz Teil der Komposition ist, zeigt aus der Nähe seine eigene Struktur. Ich mag diesen Wechsel besonders: erst von weiter weg schauen, dann herangehen und an einzelnen Stellen etwas bemerken, das vorher kaum sichtbar war.

Reispapier auf Leinwand: Was ein Foto nicht zeigen kann

Gut nachvollziehen lässt sich das an FOREST BATHING aus dem Jahr 2025. Die Arbeit misst 120 x 110 Zentimeter und besteht aus Öl, Acryl und Reispapier auf Leinwand. Ausgangspunkt war für mich das tiefe Grün des Waldes. Ob man in den Papierformen später Blätter sieht oder etwas ganz anderes, überlasse ich den Betrachtenden. Auf den Fotos der Werkseite ist die Struktur zu erkennen, besonders in den Detailaufnahmen. Trotzdem hält jedes Foto nur einen Blickwinkel und einen bestimmten Lichteinfall fest. Vor dem Original kann man den Abstand wechseln, zur Seite treten und sehen, wie sich die Schatten verschieben. Die Haptik, also die körperliche Beschaffenheit des geformten Papiers, lässt sich am Original anders wahrnehmen als auf dem Bildschirm.

Fazit – Was mich am Reispapier bis heute interessiert

In meinen Bildern ist Reispapier kein Hintergrund und keine Dekoration, sondern ein Material, mit dem ich arbeite. Ich schneide und reiße es, färbe es ein und verbinde es mit Acryl- und Ölfarbe auf der Leinwand. So entsteht eine Oberfläche mit eigener Struktur, die sich je nach Licht und Standort anders zeigt. Am meisten interessiert mich bis heute das Verhältnis von „Planen“ und „Geschehenlassen“. Die Formen bestimme ich selbst. Wie die Farbe ins Papier zieht und wie sie nach dem Trocknen aussieht, entscheidet das Material mit.

Wer meine Arbeiten kennenlernen möchte, kann sich hier alle verfügbaren Werke ansehen. Und wenn Sie ein Original aus der Nähe betrachten und mich in meinem Atelier besuchen möchten, senden Sie mir gerne eine persönliche Nachricht.